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Durch jedes Menschenherz

Eröffnung der Wanderausstellung "NS-Psychiatrie in der Pfalz" in Silz

Der Silzer Ortsbürgermeister Peter Nöthen (1. v.l.) zitierte in seinem Grußwort den Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Der Chefarzt des Pfalzinstituts, Dr. Michael Brünger, (3. v. r.) führte die Besucher durch die Ausstellung.

Silz. Klaviermusik klingt durch das Bürgerhaus in Silz. Christian Gerdon spielt das Thema aus dem Film "Schindlers Liste". Es ist der Abend des 10. November. Der Silzer Krankenpfleger stimmt am Piano auf die Ausstellung "NS-Psychiatrie in der Pfalz" ein. Etwa 50 Frauen und Männer sind auf Einladung des Bürgervereins Silz e. V. zur Eröffnungsveranstaltung gekommen. In seinem Grußwort zitiert Ortsbürgermeister Peter Nöthen den Auschwitz-Überlebenden Primo Levi mit den Worten Alexander Solschenizyns: „Allmählich wurde mir offenbar, dass die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz." Der Bürgermeister leitete aus der Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der Vergangenheit „die Aufgabe unserer Generation und der folgenden ab, wachsam zu bleiben und darauf zu achten, diese Linie nicht in die falsche Richtung zu überschreiten“. Angesichts neuer „Volksaufmärsche“ und brennender Flüchtlingsunterkünfte sei dies leider wieder sehr aktuell.

Bei der Ausstellungseröffnung wurden drei Neubürger aus Afghanistan begrüßt, die auf Einladung der Silzer Arbeitsgruppe Flüchtlingsarbeit an der Veranstaltung teilnahmen und von der Silzerin Edith Cambon sprachlich unterstützt wurden. Ausschnitte aus Erich Kästners „Über das Verbrennen von Büchern“ verdeutlichten, dass man gegen Diktaturen am besten kämpfen sollte, bevor sie entstehen.
 
Sabine Röhl stellte die ehrenamtlichen Ausstellungsbegleiter vor: Eva Albert, Gerd Berberich, Tamara Kuntz, Marina Mandery, Sophie Reich sowie Heinz Gerstle, Jahrgang 1936. Der Krankenpfleger im Ruhestand hatte als Zeitzeuge kürzlich seine Erinnerungen zu Protokoll gegeben. Darin berichtet er, wie er als Junge von der Zwangssterilisation eines Silzer Vaters erfuhr und dass er in den 1970er Jahren in der damaligen "Pfalzklinik Landeck" zum Zeugen der Rettung historischer Krankenakten wurde. Er lud zu einer Gedenkminute für die Opfer der NS-Psychiatrie ein.

Nach der Interpretation des Pianisten von Beethovens "Mondscheinsonate" führte Dr. Michael Brünger inhaltlich in die Ausstellung ein. Der Chefarzt des Pfalzinstituts  - Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Pfalzklinikums - bot den interessierten Besuchern ein Gedankenexperiment an: „Was wäre passiert, wenn ich, Jahrgang 1954, 40 Jahre früher geboren worden wäre? Hätte ich als junger, ehrgeiziger Assistenzarzt den Verlockungen widerstanden, von den Besten meines Faches zu lernen? Hätte ich die Gefahren gesehen, die mit weltweit verbreiteten  Auffassungen von „Volksgesundheit“ und „Erbhygiene“ verbunden waren? Hätte ich widerstanden, wenn man mir als „besonders fähigem Arzt mutige Maßnahmen von nationaler Tragweite“ übertragen hätte? Wenn man mir den Krankenmord als „Erlösung“ vermittelt hätte, als „guten Tod“? Wahrscheinlich wäre ich froh gewesen, dazuzugehören, stolz auf das Lob und auf den nächsten Karriereschritt“, so Dr. Michael Brünger.

Weiter sagte er, als Geschäftsführendes Mitglied im Ausschuss für Gedenkarbeit des Pfalzklinikums versuche er in der Gegenwart, zusammen mit Menschen, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind, mit ihren Angehörigen und mit Mitarbeitern, klar zu sehen, wo ökonomische „Zwänge“ zu unethischem Handeln führen können. Auch deshalb wende sich das Pfalzklinikum gemeinsam mit anderen bundesweit „gegen Negativ-Anreize im geplanten neuen Psychiatrie-Entgeltsystem“. Es dürfe nicht hingenommen werden, die Patientinnen und Patienten in „gute“ und „schlechte“ einzuteilen und die Hilfsangebote danach auszurichten, ob sie wirtschaftlich lukrativ seien.

Im Gespräch mit den Ausstellungsbesuchern wurde deutlich, dass die gedankliche Basis für verbrecherische Taten damals wie heute weit vorher geschaffen wurde und wird. Im Unterschied zu früher gebe es heute bei Zwangsmaßnahmen in der psychiatrischen Behandlung eine hohe Transparenz und Rechenschaftspflicht sowie juristische und öffentliche Kontrolle. Es sei ein schmaler Grat zwischen ethischer Wachsamkeit und einem gedankenlosen „Dahinplätschern im Alltag“.

"Seien wir achtsam, mit uns, mit unseren Mitmenschen und im Umgang mit der Natur. Dann können wir es spüren, wenn die Linie zwischen Gut und Böse in unserem Herzen in die falsche Richtung überschritten wird", hat eine Besucherin ins Gästebuch geschrieben. Der Bürgerverein Silz e. V. bietet mit dem Gesprächsangebot zu dieser Ausstellung eine Möglichkeit für jeden einzelnen, sich in Achtsamkeit und Mitmenschlichkeit zu üben.

Weitere Schritte des Gedenkens sind angedacht: Am Holocaust-Gedenktag könnten Fahrgemeinschaften gebildet werden, damit viele Menschen aus Silz und Münchweiler am 27. Januar um 14 Uhr an der Gedenkveranstaltung auf dem Klinikfriedhof in Klingenmünster teilnehmen können. An diesem Tag wird die Ausstellung "NS-Psychiatrie in der Pfalz" bereits von Silz ins Mainzer Abgeordnetenhaus des Landtags gewandert sein. Auch wurden die Ausstellungsbesucher gebeten, nachzuschauen, ob sie noch alte Fotos oder Gegenstände aus der Geschichte der Psychiatrie hätten, die sie für die geplante Dauerausstellung des Pfalzklinikums zur Verfügung stellen könnten.

Info
Öffnungszeiten im Silzer Bürgerhaus, Hauptstraße 54:
Sonntag 15.11., 14 - 16 Uhr
Mittwoch 18.11., 15 - 17 Uhr
Sonntag 22.11., 14 - 16 Uhr

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